Spiker's Berlin

Die St. Marien-Kirche

In der eigentlichen Altstadt von Berlin belegen, gehört diese Kirche, mit der Kloster und Nikolai-Kirche, zu den ältesten in Berlin und, zum grössern Theile, zu den wenigen Ueberbleibseln alt-gothischer Baukunst, welche sich, bei den schnellen Umgestaltungen Berlins, in der Hauptstadt erhalten haben.

So wie überhaupt über die ältere Bau-Geschichte von Berlin nur sehr wenige Materialien vorhanden sind, so findet man auch über die der Erbauung der St. Marien Kirche keine bestimmten Angaben. Wahrscheinlich fällt, ziemlich gleichzeitig mit der St. Nikolai-Kirche, ihre Entstehung in das 13te Jahrhundert, denn sie wird zuerst in einem Hirtenbriefe von 1292 erwähnt, in welchem (unter Pabst Nikolaus IV.) den Gläubigen, welche beide Kirchen begaben würden, ein 40tägiger Ablass bewilligt wird. Ob die St. Marien-Kirche zur Zeit des grossen Brandes von Berlin im Jahre 1380, wo auch sie ein Raub der Flammen wurde, vollendet war, steht dahin: im Jahre 1484 erhielt sie indess, mit dem Wiederaufbau, einen Taufstein von Messing und im Jahre 1487 von sieben Cardinälen einen reichen Ablass.

Mit der eigentlichen Kirche gingen bis zum neuesten Ausbau (1818) keine besonderen Veränderungen vor, wohl aber mit dem Thurme, der, nachdem er vom Jahre 1661 bis zum Jahre 1720 fünf Male vom Blitz getroffen worden, im Jahre 1787, da er sich stark zu neigen anfing, abgetragen werden musste. Man liess von dem alten Thurme etwa 150 Fuss hoch stehen und führte, von der itzigen ersten Gallerie an, einen Aufsatz von etwa 123 Fuss Höhe auf, so dass der ganze Thurm (das Kreuz von 7 Fuss und den Knopf von 4 Fuss 10 Zoll inbegriffen) 286 Fuss 8 Zoll Höhe hat. Die Zeichnung zu dem Neubaue war von dem Geh. Rath Langhans entworfen und von dem Geh. Rath Baumann ausgeführt.

Die Vergoldungen an den Capitälern und Säulen, welche die Abtheilung des Thurmes verzieren, worin die Uhr sich befindet, so wie die an den gothischen Spitzbogen, stimmen zwar mit der einfachen, schmucklosen Architektur des aus Sandstein und Granit aufgeführten Unterbaues nicht ganz überein, geben aber doch dem Thurme etwas sehr Zierliches. Die Seite der Kirche, welche dem Zuschauer zugekehrt und zum Theil durch die Bürgerhäuser verdeckt ist, entbehrt alles, an den gothischen Kirchen, in der, dem Altar gegenüberstehenden, schmalen Seite sonst wohl befindlichen, architektonischen Schmuckes von grossen Mittelfenstern u. dergl., und bildet nur eine grosse massive Baumasse.

Im Jahre 1848 wurde das Innere der Kirche gänzlich neu verziert. Die zahlreichen Denkmäler, welche sich in derselben befinden und unter denen mehrere wenigstens eine historische Merkwürdigkeit haben (namentlich die der v. Sparreschen Familie), wurden zugleich neu aufgestellt und geordnet.

Der grosse Platz, unweit dessen die Kirche steht, ist der sogenannte neue Markt, welcher schon in den Urkunden des 14ten Jahrhunderts diesen Namen führt, gegenwärtig als der Hauptort des Verkehrs mit Lebensmitteln u. s.w. in der Altstadt angesehen werden kann, und zweimal wöchentlich ein Bild des regsten bürgerlichen Lebens und Treibens darbietet. Früher war er der Ort, wo alle Hinrichtungen und Handlungen der ausübenden Gerechtigkeit vollzogen wurden und wo der Pranger-Pfahl stand. Links sieht man die Haupt-Wache, auf deren Stelle früher der Palast der Bischöfe von Havelberg gestanden haben soll.